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Erwarten Sie zu viel von Gesundheits-Apps? 5 überraschende Wahrheiten über DiGA im Unternehmen

Der Hype um die digitale Gesundheit

Unternehmen sind ständig auf der Suche nach modernen Wegen, um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu fördern (Corporate Health). In diesem Kontext erscheinen Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), auch bekannt als „Apps auf Rezept“, wie die perfekte Lösung: innovativ, skalierbar und jederzeit zugänglich. Doch die strategische Bedeutung von DiGA geht weit über einen modernen Benefit hinaus. Angesichts einer „Super-Ageing Society“ und des zunehmenden Fachkräftemangels werden sie zur notwendigen Infrastruktur, um die Arbeitsfähigkeit der Belegschaft skalierbar zu sichern. Die Realität hinter dem Hype ist jedoch weitaus komplexer. Wer DiGA ohne die richtige Strategie einführt, tappt in kostspielige Fallen und riskiert, das Vertrauen der Belegschaft zu verlieren. Ein strategischer Blick hinter die Kulissen offenbart entscheidende, oft kontraintuitive Einsichten, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Hier sind die fünf wichtigsten Wahrheiten, die jedes Unternehmen kennen sollte.

Die größte Kostenfalle: Warum Sie Lizenzen nicht selbst kaufen sollten

Die naheliegendste Annahme für viele Unternehmen ist, Lizenzen für Gesundheits-Apps direkt vom Hersteller zu erwerben und sie den Mitarbeitenden zur Verfügung zu stellen. Doch dieser Ansatz ist ein strategischer Trugschluss und führt zu unnötigen Kosten. Dahinter verbirgt sich das Konzept der „Zero-Cost-Opportunity“.

Die strategisch überlegene Alternative ist die konsequente Nutzung des offiziellen Verordnungswegs. In Deutschland haben gesetzlich Versicherte einen Rechtsanspruch auf die Erstattung von zugelassenen DiGA. Das bedeutet: Wenn ein Arzt eine DiGA verschreibt, werden die Kosten vollständig von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) getragen.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie DiGA nicht über „Selbstzahler-Modelle“ einkaufen müssen. Ein direkter Kauf führt nicht nur zu direkten Ausgaben, sondern auch zu steuerlicher Komplexität. Die Nutzung des GKV-finanzierten Weges ist eine strategisch clevere Entscheidung, die Kosten vermeidet und den Implementierungsprozess erheblich vereinfacht.

Das Evidenz-Paradoxon: „Geprüft“ heißt nicht „bewiesen“

Die offizielle Zulassung einer DiGA durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erweckt Vertrauen und suggeriert eine solide wissenschaftliche Grundlage. Doch bei genauerem Hinsehen ist diese oft überraschend wackelig. Analysen zeigen eine „signifikante Diskrepanz zwischen dem regulatorischen Anspruch und der Versorgungsrealität“.

Die für die Zulassung durchgeführten Studien weisen oft gravierende methodische Mängel auf:

  • Hohes Bias-Risiko: Viele Studien sind so konzipiert, dass das Risiko für systematische Fehler und verzerrte Ergebnisse hoch ist.
  • Mangelnde Verblindung: Da die Teilnehmenden wissen, dass sie eine App nutzen und nicht in einer Kontrollgruppe sind, lassen sich Placebo-Effekte kaum ausschließen.
  • Hochselektive Studienpopulationen: Die Teilnehmer der Studien sind oft nicht repräsentativ für die Realität einer vielfältigen Belegschaft, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränkt.

Der entscheidende Punkt für Unternehmen ist jedoch: Keine der Zulassungsstudien wurde spezifisch im betrieblichen Setting durchgeführt. Der Transfer von klinischen Effekten auf für Unternehmen kritische Kennzahlen wie die Reduktion von Fehlzeiten (Absentismus) oder die Steigerung der Produktivität ist wissenschaftlich nicht belegt und bleibt eine unbewiesene Annahme.

DiGA sind für Großunternehmen ein zweischneidiges Schwert: Sie bieten enormes Potenzial zur Skalierung der Gesundheitsförderung, bergen jedoch im aktuellen Reifegrad signifikante Qualitäts- und Kontinuitätsrisiken.

Das „Lonely App“-Problem: Warum digitale Helfer menschliche Begleitung brauchen

Eine der größten Enttäuschungen bei der Implementierung von DiGA ist die ernüchternde Realität der Nutzerbindung. Selbst wenn eine App verschrieben wird, bedeutet das nicht, dass sie auch konsequent bis zum Ende genutzt wird. Analysen zeigen alarmierend hohe Drop-out-Raten von über 50 %.

Die Konsequenz daraus ist klar: Eine App als isolierte Maßnahme reicht oft nicht aus, um nachhaltige Verhaltensänderungen zu bewirken. Ohne persönliche Verbindlichkeit und Begleitung verpufft das Potenzial des digitalen Werkzeugs. Die strategische Lösung ist ein hybrider Ansatz (Blended Care). Dieser kombiniert die Skalierbarkeit der digitalen Anwendung mit der Verbindlichkeit menschlicher Betreuung. Indem die Nutzung der DiGA in ein Betreuungskonzept eingebettet wird, steigen Adhärenz und Wirksamkeit signifikant. Ein konkreter und wirksamer Weg ist die Positionierung des Betriebsarztes als Gatekeeper, der DiGA empfehlen oder sogar direkt verordnen kann und so die digitale Lösung in die bestehende, vertrauensvolle Betreuungsstruktur integriert.

Das Partner-Risiko: Die hohe Volatilität des DiGA-Marktes

Viele Unternehmen hoffen, mit DiGA-Herstellern langfristige und stabile Partnerschaften aufzubauen. Die Realität des Marktes ist jedoch eine andere. Er ist geprägt von hoher Volatilität, undurchsichtigen Preisbildungsmechanismen und einer zunehmenden Konsolidierung. Im ersten Jahr legen Hersteller die Preise oft willkürlich fest, nur damit diese im Folgejahr von Schiedsstellen drastisch gesenkt werden.

Dieser ökonomische Druck hat bereits zu Insolvenzen relevanter Hersteller geführt. Für Unternehmen, die sich auf einen Anbieter verlassen, entsteht dadurch ein signifikantes Ausfallrisiko.

Die klare Handlungsempfehlung lautet daher: Unternehmen sollten keine Exklusivverträge mit Start-ups abschließen, deren Produkte sich noch in der vorläufigen Erprobungsphase befinden. Es ist zwingend notwendig, auf vertragliche Exit-Optionen und die Möglichkeit zur Datenportabilität zu achten. Dies schützt vor einem „Vendor-Lock-in“ und stellt sicher, dass man bei der Insolvenz eines Partners handlungsfähig bleibt.

Der „gläserne Mitarbeiter“: Datenschutz als unverhandelbare rote Linie

Die größte Sorge von Betriebsräten und Mitarbeitenden ist der Schutz hochsensibler Gesundheitsdaten. Die Angst vor dem „gläsernen Mitarbeiter“, dessen Gesundheitszustand für den Arbeitgeber einsehbar wird, kann jedes noch so gut gemeinte Corporate-Health-Angebot zum Scheitern bringen.

Daher ist die Einhaltung strikter Datenschutzanforderungen nicht nur eine rechtliche Pflicht, sondern die Grundlage für das Vertrauen der Belegschaft. Zwei regulatorische „Hard Gates“ sind hierbei unverhandelbar:

  1. BSI-Sicherheitszertifikat: Ab 2025 ist für DiGA ein Sicherheitszertifikat des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI TR-03161) verpflichtend. Anwendungen ohne dieses Zertifikat dürfen auf Dienstgeräten nicht eingesetzt werden.
  2. Verbot der Individualerfassung: Es muss sowohl technisch als auch prozessual absolut ausgeschlossen sein, dass der Arbeitgeber eine Rückmeldung darüber erhält, welcher Mitarbeiter eine App für welche Erkrankung nutzt.

Zudem stellt die Nutzung von US-Hyperscalern und die damit verbundene Cloud-Act-Problematik für global agierende Unternehmen eine latente Compliance-Hürde dar. Der Schutz des Mitarbeiters ist keine Option, sondern die Voraussetzung für den Erfolg.

Zum Schluss: Vom Gimmick zum strategischen Werkzeug

DiGA sind kein einfaches „technisches Gimmick“, das man einfach im Unternehmen verteilt. Richtig eingesetzt, können sie jedoch ein mächtiges Instrument zur Stärkung der organisationalen Resilienz werden – insbesondere angesichts der Herausforderungen einer Super-Ageing Society. Der Erfolg hängt jedoch von einer klaren und durchdachten Strategie ab, die auf drei zentralen Leitplanken basiert:

  1. Defensives Risikomanagement: Setzen Sie ausschließlich auf GKV-finanzierte Modelle und empfehlen Sie nur DiGA, die bereits dauerhaft im Verzeichnis aufgenommen sind.
  2. Offensive Prozessintegration: Betten Sie die digitalen Anwendungen in hybride Coaching-Modelle ein, um die Nutzungsraten und die Wirksamkeit sicherzustellen.
  3. Strikte Governance: Machen Sie den Datenschutz zur obersten und unverhandelbaren Priorität, um das Vertrauen Ihrer Mitarbeitenden zu gewinnen und zu erhalten.

Wer diese Prinzipien beachtet, kann DiGA von einem unsicheren Experiment in ein valides und wirksames Instrument des modernen Corporate Health Managements verwandeln.

Ist Ihr Unternehmen bereit, den Hype hinter sich zu lassen und DiGA nicht nur zu verteilen, sondern strategisch zu nutzen?

01.01.2026, Olaf Dunkel, https://www.olafdunkel.com

© 2026 Dieser Beitrag beruht auf eigenständiger Recherche und Analyse diverser Quellen; eine KI leistete lediglich sprachliche Unterstützung, die inhaltliche Verantwortung trägt ausschließlich der Autor.

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