Der erzwungene Architekturwandel
Wenn die meisten Menschen an die Digitalisierung im Gesundheitswesen denken, kommt ihnen zuerst die elektronische Patientenakte in den Sinn. Diese Vorstellung ist zwar korrekt, verdeckt aber die eigentliche Revolution: einen fundamentalen und erzwungenen Architekturwandel. Hinter den Kulissen findet eine tektonische Verschiebung statt – weg von geschlossenen, monolithischen Systemen, die von einer hohen architektonischen Schuldenlast geprägt sind, hin zu offenen, modularen und vernetzten Plattformen.
Diese Transformation ist keine freiwillige Modernisierung, sondern eine strategische Notwendigkeit, angetrieben durch neue Standards, intelligente Regulierung und drohende Sanktionen. Die unsichtbaren Kräfte in der Architektur, den Datenformaten und den Gesetzen bestimmen, ob Daten in isolierten Silos gefangen bleiben oder frei und sicher fließen können, um Ärzte zu unterstützen, KI-Modelle zu trainieren und Patienten zu aktiven Teilnehmern ihrer Versorgung zu machen. Dieser Artikel beleuchtet fünf der folgenreichsten dieser „Wahrheiten“, die den unumkehrbaren Übergang vom Datensilo zum Datenfluss definieren.
1. Ihre digitale Akte ist nicht gleich Akte: Der gewaltige Unterschied zwischen EMR und EHR
Auf den ersten Blick scheinen die Begriffe Electronic Medical Record (EMR) und Electronic Health Record (EHR) austauschbar zu sein. Doch hinter dieser scheinbaren Synonymität verbergen sich fundamental unterschiedliche Architekturen mit weitreichenden Konsequenzen für die gesamte medizinische Versorgung.
Ein Electronic Medical Record (EMR) ist die digitale Version einer Papierakte. Seine Architektur folgt dem Prinzip des „Containment“: Es ist ein Datensilo, beschränkt auf eine einzige Einrichtung. Das Datenmodell ist „begegnungszentriert“ und speichert isolierte „Snapshots“ einzelner Behandlungsfälle. Operativ unterstützt ein EMR einen deterministischen Workflow – es ist ein passives System, das auf die Eingaben von Ärzten und Pflegekräften wartet.
Ein Electronic Health Record (EHR) hingegen ist für die „Interoperabilität“ konzipiert. Es ist eine umfassende, patientenzentrierte und longitudinale Gesundheitshistorie, die dem Patienten folgt. Seine Architektur ist nicht passiv, sondern ereignisgesteuert (event-driven). Ein modernes EHR kann proaktiv auf externe Trigger reagieren, beispielsweise auf einen kritischen Laborwert, der von einem externen System übermittelt wird, und so intelligente, proaktive Workflows anstoßen.
Die Konsequenzen für die Künstliche Intelligenz sind gewaltig. Prädiktive Modelle, wie die Vorhersage einer Sepsis, benötigen den historischen Kontext und müssen Trends über die Zeit analysieren können – etwa die Entwicklung von Vitalwerten über mehrere Tage. Die isolierten Snapshots eines EMR sind hierfür ungeeignet. Erst die longitudinalen Datensätze eines EHR bieten die notwendige Tiefe, um solche Muster zu erkennen. Diese Verschiebung verändert auch die Rolle des Patienten fundamental:
Sie beschreibt nicht lediglich die Substitution papierbasierter Prozesse durch digitale Äquivalente, sondern eine fundamentale Neugestaltung der Informationsarchitektur, die den Patienten von einem passiven Objekt der Dokumentation zu einem aktiven Subjekt in einem vernetzten Ökosystem erhebt.
2. Der häufigste Datenstandard der Welt ist ein „Nicht-Standard“
Seit über drei Jahrzehnten bildet der Standard HL7 Version 2 (V2) das operative Rückgrat der Kommunikation in Krankenhäusern. Das Paradoxe daran ist: Obwohl es der am weitesten verbreitete Standard ist, wird er von Experten als „non-standard standard“ bezeichnet. Der Grund liegt in seiner „semantischen Varianz“: Der Standard erlaubt proprietäre Anpassungen in sogenannten „Z-Segmenten“, wodurch kaum eine Schnittstelle der anderen gleicht und jede neue Verbindung individuelle Anpassungen erfordert. HL7 V2 funktioniert wie eine Faxmaschine: Es „pusht“ ein ganzes, starres Dokument von einem System zum anderen.
Diesem Modell steht der neue Standard FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources) gegenüber, ein Paradigmenwechsel basierend auf modernen Web-Technologien wie APIs und JSON. Anstatt starrer Nachrichten zerlegt FHIR Gesundheitsdaten in logische „Ressourcen“ (z. B. „Patient“, „Observation“). Dies ermöglicht eine aktive „Pull-Kommunikation“, die wie eine Web-Suche funktioniert: Eine App kann gezielt nur die Daten abrufen, die sie gerade benötigt. Eine App kann so mit einer einfachen Anfrage wie GET /Patient/123/Blutzuckerwerte gezielt nur die benötigten Daten abrufen, anstatt eine ganze Akte empfangen zu müssen.
3. Deutschlands Digitalisierungs-Turbo: Nicht Fördermittel, sondern angedrohte Strafen
Mit einem Investitionsvolumen von 4,3 Milliarden Euro ist das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) ein gewaltiges Förderprogramm. Doch die überraschende Wahrheit ist, dass der wahre Treiber des Gesetzes nicht das Geld, sondern ein unerbittlicher Sanktionsmechanismus ist.
Das Gesetz definiert digitale Pflichtdienste wie Patientenportale, die bis zum 31.12.2025 beauftragt sein müssen. Die entscheidende Drohkulisse: Ab 2026 drohen Krankenhäusern, die diese Dienste nicht anbieten, Abzüge von bis zu 2% des Rechnungsbetrags für jeden stationären Fall. Für ein durchschnittliches Krankenhaus summiert sich dies schnell zu Millionenverlusten.
Dieser immense finanzielle Druck bricht die jahrzehntelangen „Vendor-Lock-in“-Strategien der Hersteller von Krankenhausinformationssystemen (KIS) auf. Insbesondere die Anforderung des Fördertatbestands 2 (Patientenportale) zwingt die KIS, ihre geschlossenen Systeme zu öffnen und mit externen Anwendungen über standardisierte Schnittstellen wie ISiK (die deutsche FHIR-Spezifikation) zu kommunizieren. ISiK konzentriert sich dabei zunächst auf die „Binneninteroperabilität“ – die nahtlose Kommunikation innerhalb des Krankenhauses.
4. Sicherer als WhatsApp: Warum Ärzte in Zukunft auf dezentraler Open-Source-Technologie chatten
Die schnelle Kommunikation zwischen Ärzten, Apothekern und Pflegekräften findet heute oft in einer Grauzone über private Messenger statt. Der kommende Standard für die synchrone Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen, der TI-Messenger (TIM), löst dieses Problem auf eine überraschend moderne Weise.
Anstatt eine zentrale, geschlossene Plattform zu schaffen, setzt TIM auf einen radikal anderen technischen Unterbau: das offene und dezentrale Matrix-Protokoll. Das Kernprinzip ist die Föderation: Verschiedene zertifizierte Anbieter können ihre eigenen TIM-Server betreiben, die dank des offenen Protokolls nahtlos miteinander kommunizieren können. Ein Arzt, der den TIM-Client von Anbieter A nutzt, kann problemlos und sicher mit einem Apotheker chatten, der einen Client von Anbieter B verwendet – ähnlich wie man heute eine E-Mail von einem GMX-Konto an ein Gmail-Konto senden kann.
Dieser Ansatz ist ein „Paradebeispiel für moderne, interoperable Messenger-Architektur im Gegensatz zu geschlossenen Plattformen“ und stellt sicher, dass keine Abhängigkeit von einem einzigen Monopolisten entsteht.
5. KI-Innovation im Wettlauf: Warum lernende Algorithmen in den USA schneller sein könnten als in der EU
„Lernende“ KI-Algorithmen, die ihre Leistung durch neue Daten verbessern, stellen Regulierungsbehörden weltweit vor eine Herausforderung. Die USA und die EU verfolgen hier überraschend unterschiedliche Ansätze.
Der Ansatz der FDA in den USA ist pragmatisch. Mit dem „Predetermined Change Control Plan“ (PCCP) hat sie einen Rahmen geschaffen, der es Herstellern erlaubt, ihre KI-Modelle innerhalb vorab genehmigter Grenzen zu aktualisieren, ohne jedes Mal eine komplette Neuzulassung zu durchlaufen. Ein solcher Plan besteht aus drei Teilen: einer Description of Modifications (was sich ändern wird), einem Modification Protocol (wie die Änderung validiert wird) und einem Impact Assessment (wie Risiken gemindert werden).
In der Europäischen Union wird medizinische KI durch eine Kombination aus der Medical Device Regulation (MDR) und dem EU AI Act reguliert. Der AI Act stuft die meisten medizinischen KI-Systeme als Hochrisiko-Systeme ein, was zu extrem strengen Anforderungen an Datenqualität, Transparenz und menschliche Aufsicht („Human in the loop“) führt. Entscheidend ist jedoch ein prozeduraler Unterschied: Die MDR fordert für die Zulassung oft neue, spezifische klinische Daten, während die FDA häufig den Vergleich mit einem bereits zugelassenen „Predicate Device“ erlaubt. Dieser Unterschied kann den Marktzugang in Europa erheblich verlangsamen.
Fazit: Vom Datensilo zum Datenfluss
Die fünf Wahrheiten zeichnen ein klares Bild: Die Ära der monolithischen, geschlossenen IT-Systeme im Gesundheitswesen geht zu Ende. Die Zukunft gehört offenen, vernetzten Plattformen, ermöglicht durch Standards wie FHIR und beschleunigt durch intelligente Regulierung wie das KHZG. Interoperabilität ist kein technisches Feature mehr, sondern die grundlegende Voraussetzung für den ökonomischen Erfolg und eine moderne Medizin. Diesen Wandel zu ignorieren, ist kein technisches Versäumnis, sondern ein kritisches Geschäftsrisiko.
Dies wirft eine entscheidende Frage für die Zukunft auf: Wenn Daten in Zukunft so frei und sicher fließen können, wem gehören sie dann – und welche Rolle werden Sie als Patient in diesem neuen Ökosystem spielen?
03.01.2026, Olaf Dunkel, https://www.olafdunkel.com
© 2026 Eigenständige Analyse diverser Quellen; KI-Unterstützung rein sprachlich, inhaltliche Verantwortung beim Autor.

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