Kaum war die Tinte unter dem AI Act trocken, mehrten sich die Stimmen, die vor einer Überregulierung warnten. Zu starre Fristen, zu hohe Compliance-Kosten für kleinere Unternehmen, zu viel Unsicherheit bei der Risikoklassifizierung – die Kritik kam nicht nur aus der Wirtschaft, sondern auch aus den Mitgliedstaaten. Mit dem Digital Omnibus on AI reagiert die Kommission nun mit einem Nachbesserungspaket, das den AI Act praxistauglicher machen soll, ohne seine Grundprinzipien zu untergraben.
Flexible Fristen statt starrer Deadlines
Eine der zentralen Anpassungen betrifft die Umsetzungsfristen. Statt eines einheitlichen Stichtags für alle Hochrisiko-Anwendungen soll es künftig gestaffelte Zeiträume geben, die sich am Reifegrad der jeweiligen Branche orientieren. Für den Gesundheitssektor, in dem Zertifizierungsprozesse besonders komplex sind, bedeutet das zusätzliche Vorbereitungszeit. Gleichzeitig werden Sandbox-Regelungen ausgeweitet, die es Unternehmen ermöglichen, KI-Systeme unter regulatorischer Aufsicht zu testen, bevor die volle Compliance-Last greift.
Erleichterungen für KMU und Startups
Besonders relevant sind die geplanten Entlastungen für kleine und mittlere Unternehmen. Vereinfachte Dokumentationspflichten, reduzierte Gebühren für Konformitätsbewertungen und der Zugang zu standardisierten Compliance-Werkzeugen sollen verhindern, dass der AI Act zum Wettbewerbshindernis für europäische Innovatoren wird. Ob diese Maßnahmen ausreichen, bleibt abzuwarten – denn die eigentliche Hürde liegt oft nicht in den Kosten, sondern in der Rechtsunsicherheit. Solange unklar ist, ob ein bestimmtes KI-System als Hochrisiko eingestuft wird, scheuen viele Unternehmen die Investition.
Signal an die Welt
Der Omnibus ist auch ein politisches Signal. Brüssel zeigt, dass der AI Act kein statisches Monument ist, sondern ein lernfähiges Regelwerk. Das ist wichtig, denn die internationale Konkurrenz beobachtet genau, ob die europäische Regulierung Innovation fördert oder behindert. Wenn die Nachbesserungen greifen, könnte der AI Act tatsächlich zum globalen Goldstandard werden – nicht trotz, sondern wegen seiner Bereitschaft zur Selbstkorrektur.