KI-Governance 16. September 2026 14 Min. Lesezeit

IEEE Technology Megatrends 2030: Fünf Felder, ein gemeinsamer Engpass

166 Fachleute bewerten 30 Technologien in fünf Megatrends. Der belastbare Befund liegt nicht in den Einzelprognosen, sondern in den Voraussetzungen, die alle Felder teilen: Energie, Rechenkapazität, Vertrauen und Kompetenzen.

Dunkle Grafikkarte mit der Zahl 30 und dem Satz: Fünf Megatrends, ein Engpass: Energie, Rechenkapazität, Vertrauen. Fußzeile olafdunkel.com
Inhalt
  1. 1. Was der Bericht bewertet: fünf Megatrends, 30 Technologien
  2. 2. Der Systembefund: Energie, Rechenkapazität, Vertrauen
  3. 3. Spitzenreiter und Nachzügler: Was die Bewertungen zeigen
  4. 4. Belastbarkeit: Wer bewertet hat und wie
  5. 5. Empfehlungen, Kompetenzen, Risiken
  6. 6. Folgerungen für Deutschland und Europa
  7. 7. Bewertung: Optionen, Risiken, Gegenargumente
  8. 8. Handlungscheckliste

Management Summary

Der Bericht Technology Megatrends 2030 des IEEE Future Directions Committee bewertet 30 Technologien in den fünf Megatrends KI, Energie, Gesundheit, Raumfahrt und physische KI [1]. Seine tragende Aussage lautet, dass KI-Fortschritt nur zusammen mit Energieversorgung, Recheninfrastruktur, Datenqualität, Vertrauen und menschlichen Kompetenzen zu verstehen ist; Energieverfügbarkeit begrenzt nach Einschätzung des Teams inzwischen den digitalen Fortschritt [2]. Mensch-KI-Interaktion erhält die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit, personalisierte Medizin die größte Wirkung, Energiespeicherung den höchsten Reifegrad [2]. Die Ergebnisse beruhen auf gemittelten Noten von 166 Bewertenden und einer Umfrage unter rund 300 IEEE-Mitgliedern, nicht auf gemessenen Eintrittswahrscheinlichkeiten [5]. Der Verfasser bewertet den Bericht als Themenlandkarte für Strategie- und Investitionsentscheidungen, nicht als Prognose einzelner Termine, weil die Methode Einigkeit misst und nicht Prognosegüte.

Für wen relevant?

CIO, CDO und Strategieverantwortliche, die Technologieportfolios für die Jahre bis 2030 planen; Leitungen von Rechenzentren und Energieversorgern, deren Kapazität zum Engpass der KI-Nutzung wird; Forschungs- und Innovationsförderung in Bund, Ländern und EU; Verantwortliche für Personalentwicklung und Qualifizierung; Analysten, die Prognoseberichte auf Belastbarkeit prüfen müssen.

Drei Kernaussagen

  1. Der Bericht behandelt KI als Infrastruktur, nicht als Sektor. Energie, Recheninfrastruktur und Skalierbarkeit gelten als ein gemeinsames Systemproblem; Effizienzgewinne bei KI-Beschleunigern werden nach Darstellung des Teams durch das Jevons-Paradoxon überlagert, weil zusätzliche Hardware das Energiebudget wieder ausschöpft [2].
  2. Die Bewertungen trennen Nähe von Wirkung. Mensch-KI-Interaktion und Energiespeicherung liegen mit Note B+ und einem Einführungshorizont von 0,00 beziehungsweise 0,51 Jahren vorn; Kernfusion und das Verständnis des Lebens tragen die Noten C und C- bei 13,01 und 15,00 Jahren [6].
  3. Die Datenbasis ist ein Expertenurteil mit dokumentierten Brüchen. Die Teamgröße wird mit 168, 166 und 160 angegeben, die Korrelationsmatrix ist nicht symmetrisch, die ergänzende Umfrage fragt nach 2028 statt 2030 [5] [7].

1. Was der Bericht bewertet: fünf Megatrends, 30 Technologien

Technology Megatrends 2030 ist eine Präsentation mit 101 Folien, erstellt vom Industry Advisory Board des IEEE Future Directions Committee gemeinsam mit der IEEE Santa Clara Valley Section, der IEEE Computer Society und IEEE Industry Engagement [1]. Der vorliegenden Analyse liegt eine deutsche Leseausgabe vom 16. September 2026 zugrunde, die den Originaltext vollständig überträgt und Quellenauffälligkeiten kennzeichnet [11]. Der Bericht ist die zweite Megatrend-Ausgabe nach 2024 und ergänzt die jährlichen Technologieprognosen des Komitees [9].

Die Struktur ist einfach: Fünf Megatrends, je sechs Technologien, jede mit einer Prognose in einem Satz [3]. Der Megatrend KI umfasst energieeffiziente Beschleuniger, neue Rechenformen, agentische und multimodale Modelle, Erklärbarkeit, garantierten Datenschutz sowie gemeinfreie und synthetische Trainingsdaten. Energie steht für dezentrale Erzeugung und Microgrids, Speicherung, CO2-Abscheidung, Kernfusion, sauberen Bergbau und Schutzleitplanken. Gesundheit reicht von personalisierter Medizin über Gentherapie, Biomarker, molekulare Therapeutika und Proteinsynthese bis zum Verständnis des Lebens. Raumfahrt nennt neue Materialien, saubere Energie im Orbit, wiederverwendbare Raketen, Landwirtschaft, Halbleiterfertigung und Weltraumschrott. Physische KI bündelt vertrauenswürdige KI und Cybersicherheit, energieeffiziente Intelligenz am Netzrand, bioinspirierte Materialien, kollaborative Robotik, Mensch-KI-Interaktion und taktile Sensorik [3].

Jede Technologie erhält vier Noten von A+ bis F- für Erfolgsaussicht, Auswirkungen auf die Menschheit, Reifegrad und Marktverbreitung im Jahr 2030 sowie einen Zeithorizont bis zur breiten kommerziellen Einführung von einem bis 15 Jahren [5]. Die Noten sind Mittelwerte über die Bewertenden; die Standardabweichung dient dem Team als Maß für die Sicherheit der Einschätzung [5]. Ergänzend führt der Bericht eine Risiko-Nutzen-Analyse für Technologien ein, die nicht in die 30 aufgenommen wurden, darunter allgemeine künstliche Intelligenz, autonome Waffen, Genomeditierung und Quantentechnologie [8].

2. Der Systembefund: Energie, Rechenkapazität, Vertrauen

Die stärkste Aussage des Berichts steht nicht in einer der 30 Prognosen, sondern in der Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Das Team hält fest, dass KI zu einer universell einsetzbaren Infrastruktur geworden sei und über einen eigenständigen Sektor hinausgehe; Energieverfügbarkeit und Energieeffizienz begrenzten inzwischen den digitalen Fortschritt; Vertrauen, Governance und Mensch-KI-Interaktion seien Voraussetzungen der Skalierung und keine nachträglich ergänzten Compliance-Aspekte [2]. Das nächste Jahrzehnt werde nicht durch isolierte Durchbrüche geprägt, sondern durch die Wechselwirkungen zwischen KI, Energie und physischen Systemen [2].

Für die Energiefrage nennt der Bericht einen Mechanismus, der Planungsannahmen vieler Organisationen widerspricht. Effizienzgewinne bei KI-Beschleunigern senken den Gesamtverbrauch nach Darstellung des Teams nicht, weil Rechenzentren und KI-Systeme so viel Energie nutzen, wie ihnen zugestanden wird; steigt die Effizienz, wird zusätzliche Hardware eingesetzt, um innerhalb desselben Budgets mehr zu leisten. Der Bericht bezeichnet dies als Jevons-Paradoxon [2]. Daraus folgt für die Praxis, dass ein Effizienzversprechen eines Anbieters keine Aussage über den künftigen Strombedarf einer Organisation ist. Die Nachfrage folgt dem Budget, nicht der Technik.

Zwei weitere Beobachtungen ordnen die Dynamik ein. Erstens erwartet das Team, dass massive Investitionen in den USA und in Asien die KI-Entwicklung weiter beschleunigen, während andere Regionen wegen ihrer Regulierung Schwierigkeiten haben könnten [2]. Zweitens sieht der Bericht in der Raumfahrt einen der KI vergleichbaren Aufschwung, bei weltweiten Investitionen von 100 bis 200 Milliarden US-Dollar [2]. Beide Aussagen sind Erwartungen des Teams, keine Messwerte. Der Bericht benennt seinen eigenen Technologieoptimismus ausdrücklich und begründet damit die zusätzliche Gewichtung von Risiken [2].

Die Treiber- und Hemmnisanalyse ergibt ein geteiltes Bild: Bei technologischen Megatrends dominieren Treiber, bei gesellschaftspolitischen Hemmnisse; wirtschaftliche und ökologische Faktoren halten sich die Waage [4]. In der Liste der Einflussfaktoren stehen digitale Souveränität, souveräne KI-Technologiestapel, regulatorische Fragmentierung und Datenfragmentierung nebeneinander [4]. Der Bericht ordnet sie nicht einzeln als Treiber oder Hemmnis ein; die Zuordnung bleibt der Originalgrafik vorbehalten. Wie diese Faktoren in Europa wirken, hat der Verfasser in Verfügbarkeit ist keine Technik-Frage untersucht.

3. Spitzenreiter und Nachzügler: Was die Bewertungen zeigen

Die Bewertungstabelle zeigt ein klares Gefälle zwischen Nähe und Ferne. Mensch-KI-Interaktion erhält für Erfolg und Marktverbreitung die Note B+ und einen normalisierten Einführungshorizont von 0,00 Jahren; Energiespeicherung und dezentrale Energieressourcen folgen mit B+ bei 0,51 und 0,68 Jahren [6]. Am anderen Ende stehen Kernfusion mit Note C bei 13,01 Jahren und das Verständnis des Lebens mit C- bei 15,00 Jahren; Landwirtschaft mit Raumfahrttechnologien und die Eindämmung von Weltraumschrott liegen mit C- bei 13,99 und 11,90 Jahren ebenfalls im letzten Drittel [6]. Auf Ebene der Megatrends fasst das Team zusammen: Physische KI besitzt die größte Chance auf technischen Fortschritt in den nächsten vier Jahren, KI folgt dicht dahinter, Gesundheit hat das größte Wirkungspotenzial, Raumfahrttechnologien liegen in allen Kategorien zurück [6].

Über alle 30 Technologien beträgt der mittlere Einführungshorizont 6,70 Jahre bei einer Spannweite von 3,74 bis 11,67 Jahren; die mittlere Erfolgsnote ist B-, die mittlere Wirkungsnote B+ [5]. Gegenüber dem Bericht 2024 ist der Horizont damit leicht gewachsen, damals 6,42 Jahre, und die Erfolgsnote von B auf B- gesunken [5]. Der Bericht selbst erklärt den Befund mit dem Tempo der KI-Einführung, das das Team zu kurzfristigeren Prognosen verleitet habe, und mit dem politisch geprägten, nachlassenden Fortschritt bei gesundheits- und nachhaltigkeitsbezogenen Technologien [2].

Aufschlussreich ist die Korrelationsmatrix. Erfolg und Marktverbreitung korrelieren mit 0,98, Erfolg und Reifegrad mit 0,95; die Bewertenden haben diese drei Dimensionen faktisch als eine bewertet [5]. Die Auswirkung auf die Menschheit ist davon weitgehend entkoppelt: Die Vorlage nennt für Erfolg gegenüber Wirkung den Wert 0,20 und in umgekehrter Richtung 0,60, was eine symmetrische Matrix nicht erlaubt; die Leseausgabe bewahrt beide Werte und weist auf den Fehler hin [5] [11]. Für Leser ergibt sich daraus eine Regel: Die Wirkungsnote trägt Information, die in den anderen drei Noten nicht enthalten ist. Wer nur auf Reife und Markt schaut, übersieht die Technologien, die der Bericht als „eine Investition wert“ markiert, weil ihre Wirkung ihre technische Erfolgsaussicht übersteigt [6].

Die Zeithorizonte in der Bewertungstabelle sind auf eine Skala von 0 bis 15 Jahren normalisiert, die Marktverbreitung ist relativ zum größten Wert skaliert, mit 15 multipliziert und um 0,5 erhöht [6]. Diese Werte dürfen nicht als kalendarische Jahresangaben gelesen werden; die Übersichtstabellen des Berichts verwenden andere Normalisierungen [11]. Ein Horizont von 0,00 Jahren für Mensch-KI-Interaktion bedeutet deshalb, dass diese Technologie den kürzesten Horizont im Vergleich hat, nicht, dass sie heute vollständig eingeführt ist.

4. Belastbarkeit: Wer bewertet hat und wie

Das Team umfasst nach eigener Angabe 168 Mitwirkende aus 38 Ländern auf sechs Kontinenten, darunter 46 Frauen und 122 Männer; 71 Personen kommen aus Wissenschaft und Hochschulen, 67 aus der Industrie, 24 aus Fachorganisationen und 6 aus dem Staat [7]. Gegenüber dem Bericht 2024 mit 54 Mitgliedern ist das Team damit auf das Dreifache gewachsen [7]. Die Diagramme nennen jedoch 166 Bewertende, eine Vergleichsfolie 160 Gremiumsmitglieder; die Vorlage erklärt die Differenz nicht [11]. Der Prozess bestand aus vier Präsenzworkshops, Onlineaustausch und einer Umfrage; die Bewertung erfolgte in einer zweiten Runde nach einem einheitlichen Notenschema [7].

Die ergänzende Umfrage unter rund 300 IEEE-Mitgliedern fragte nach Prognosen für 2028, während der Hauptbericht 2030 betrachtet [10]. Die Befragten bestätigten das erwartete Wachstum in vielen KI-Bereichen und den Umschulungsbedarf, deckten Energie und Raumfahrt aber deutlich weniger ab, schätzten das Verständnis des Lebens um vier Reifegradstufen optimistischer ein und den garantierten Datenschutz um mehr als eine Note pessimistischer [10]. Die Stichprobe ist wissenschaftlich geprägt: 63 Prozent der Befragten haben eine Promotion oder einen gleichwertigen Abschluss, 44 Prozent arbeiten an Hochschulen, 26,4 Prozent kommen aus den USA, 10,4 Prozent aus China und 6,7 Prozent aus Deutschland [10]. Eine Bevölkerungsrepräsentativität beansprucht der Bericht nicht.

Drei methodische Grenzen sind für die Nutzung entscheidend. Erstens misst die Standardabweichung Einigkeit unter den Bewertenden, nicht Prognosegüte; die geringste Sicherheit besteht beim Megatrend Raumfahrt, die größte beim Reifegrad [5]. Zweitens spricht die Zusammenfassung von sechs Kategorien der Technologien, zählt aber nur fünf auf: Grundlagen, Kerntechnologien, Management und Governance, angewandte Technologien und Werkzeuge [2]. Drittens hat das Team versucht, Megatrends mit KI zu identifizieren, und ist davon abgerückt: Bei Nachhaltigkeit bestand nahezu vollständige Übereinstimmung mit dem menschlichen Urteil, bei KI etwa 50 Prozent, bei digitaler Transformation keine [9]. Das Team erwartet, dass Menschen in absehbarer Zukunft weiterhin bessere Prognosen erstellen werden als KI [9].

Diese Grenzen entwerten den Bericht nicht, sie bestimmen seine Verwendung. Ein Dokument, das seinen Optimismus, seine Zählfehler und seine Normalisierungen offenlegt, ist für Strategiearbeit brauchbarer als ein Marktreport, der gemessene Anteile behauptet. Der Verfasser hat dieselbe Regel für Messezahlen in IFA 2026: Was die Ausstellerzahlen belegen angewendet: Der Nenner entscheidet über die Aussage.

5. Empfehlungen, Kompetenzen, Risiken

Die Empfehlungen des Berichts richten sich an Unternehmen, Staat, Hochschulen, Fachorganisationen, Endnutzer, Entwicklung und Unternehmensleitung [8]. Für Unternehmen verlangt der Bericht, KI-Infrastruktur, also Rechenleistung, Daten und Energie, als langfristiges strategisches Gut zu behandeln, Privacy by Design und Zero-Trust-Architekturen in KI-Produkten zu priorisieren und eine Matrix zu Disruption und Machbarkeit für den Fünfjahreshorizont der eigenen Branche zu führen [8]. Dem Staat empfiehlt er, von Regulierung zu Befähigung überzugehen, betroffene Berufskategorien zu erfassen und ein Sicherheitsnetz für verdrängte Tätigkeiten einzuführen [8]. Auffällig ist die Formulierung, Marktkräfte drängten dem Original zufolge zum Schlechten, weshalb Staat und Gesellschaft Willen und Konsens für das Gute schaffen müssten [8]. Ein Gremium aus Wissenschaft und Industrie fordert damit ausdrücklich politische Steuerung.

Die Kompetenzmatrix ordnet Fähigkeiten nach Trend. Stark zunehmend sind im Feld KI Sicherheit, AIOps, kritisches Denken, die Beurteilung von Informationen und Daten, die Nutzung von KI-Agenten und die menschliche Beteiligung im Regelkreis [8]. Abnehmend ist das Programmieren, stark abnehmend sind Schreiben und Inhaltserstellung sowie Chip- und Systemdesign; in der physischen KI verlieren manuelle Arbeit und Roboter für Einzelzwecke [8]. Die Industrie soll nach dem Bericht langfristig beobachten, wie das Auslagern von Aufgaben an KI das kritische Denken des Menschen beeinflusst [8]. Diese Frage hat der Verfasser in Kognitiver Offload aus Sicht der Kognitionsforschung behandelt.

Die Risiko-Nutzen-Tabelle benennt für die nicht aufgenommenen Technologien Risiko und Nutzen nebeneinander. Bei allgemeiner künstlicher Intelligenz stehen Zielausrichtung, Kontrolle, regulatorische Stilllegung und Machtkonzentration einem neuen Wirtschaftsmodell gegenüber; bei autonomen Waffen ethischer und rechtlicher Widerstand und der Verlust menschlicher Kontrolle einer strategischen Dominanz für Staaten; bei Genomeditierung Biosicherheitsgefahren und fragmentierte Regulierung der Heilung genetischer Krankheiten [8]. Für KI-gestützte Energieerzeugung nennt der Bericht ein hohes Katastrophenrisiko durch Fehleinschätzungen in ansonsten konservativ geführten Betriebsabläufen [8]. Für Betreiber kritischer Infrastruktur ist das die konkreteste Warnung des Dokuments.

6. Folgerungen für Deutschland und Europa

Der Bericht spricht Europa an keiner Stelle direkt an. Seine Aussage, andere Regionen als die USA und Asien könnten wegen Regulierung Schwierigkeiten haben, ist eine Erwartung ohne Beleg im Dokument [2]. Deutschland stellt 6,7 Prozent der Umfrageteilnehmer, den drittgrößten Anteil nach den USA und China [10]; im Kernteam ist Deutschland eines von 38 Ländern, ohne ausgewiesene Zahl [7]. Die Sichtweise des Berichts ist die des Silicon Valley, das die Ergebnisse nach eigener Angabe angestoßen hat [9].

Für europäische Organisationen ergeben sich aus dem Systembefund gleichwohl drei Folgerungen, weil sie nicht von der regionalen Perspektive abhängen. Die erste betrifft die Energie: Wenn Rechenzentren ihr Budget unabhängig von der Effizienz ausschöpfen, ist die Strom- und Netzplanung Teil jeder KI-Strategie, nicht deren Anhang. Die zweite betrifft die Reihenfolge: Die Technologien mit den kürzesten Horizonten, Mensch-KI-Interaktion, Energiespeicherung, dezentrale Energie, kollaborative Robotik, sind zugleich die mit hoher Marktverbreitung; wer hier nicht investiert, konkurriert 2030 mit Anbietern, die es getan haben [6]. Die dritte betrifft die Steuerung: Der Bericht zählt Vertrauen, Sicherheit, Erklärbarkeit und Governance zu den wiederkehrenden Voraussetzungen skalierender Technologien [2]. Das ist die Position, die der europäische Rechtsrahmen einnimmt; der Bericht bestätigt sie als Skalierungsbedingung, ohne sie als europäische zu erkennen.

Der Verfasser bewertet diese Konstellation als Gelegenheit, nicht als Nachteil. Eine Organisation, die Governance als Skalierungsbedingung behandelt, arbeitet mit dem Befund des Berichts, nicht gegen ihn. Wie ein solcher Rahmen praktisch aussieht, beschreibt Das Acht-Phasen-Modell der KI-Integration.

7. Bewertung: Optionen, Risiken, Gegenargumente

Organisationen haben drei Optionen im Umgang mit dem Bericht. Sie können ihn als Prognose lesen und Termine daraus ableiten; das trägt die Methode nicht. Sie können ihn ignorieren, weil er aus dem Silicon Valley stammt; das verschenkt eine seltene Zusammenstellung von 166 Fachurteilen über fünf Felder hinweg. Oder sie können ihn als Landkarte nutzen: Welche Technologien liegen nah, welche fern, welche tragen Wirkung über ihre Erfolgsaussicht hinaus, welche Voraussetzungen teilen sie. Der Verfasser empfiehlt die dritte Option, weil sie die Stärke des Dokuments nutzt und seine Schwäche vermeidet.

Das Risiko dieser Nutzung liegt in der Übernahme des Technologieoptimismus. Das Team räumt ihn ein und hat ihn durch die Risikoanalyse ausgeglichen [2]; dennoch tragen 27 von 30 Technologien eine Erfolgsnote von B- oder besser [6]. Wer die Noten in eigene Bewertungen übernimmt, importiert diese Grundhaltung. Ein zweites Risiko ist die Vermischung der Zeithorizonte: normalisierte Werte in der Tabelle, Jahresangaben in den Prognosesätzen, ein Umfragehorizont 2028 unter Überschriften mit 2030 [11].

Das stärkste Gegenargument gegen die Nutzung lautet, dass ein Gremium aus Wissenschaft und Industrie strukturell die Technologien hoch bewertet, an denen es arbeitet. Das Argument trifft zu und ist im Bericht dokumentiert. Es begrenzt die Aussagekraft der absoluten Noten, nicht die der Rangfolge und der Korrelationen. Dass Raumfahrt in allen Kategorien zurückliegt, obwohl das Team ihr einen Boom zutraut, spricht dafür, dass die Bewertenden zwischen Erwartung und Bewertung getrennt haben [6]. Ein zweites Gegenargument betrifft die Vergleichbarkeit mit 2024: Team, Skalen und Normalisierung haben sich geändert, die Trendaussage von B auf B- ist deshalb nur mit Vorbehalt lesbar [5] [7].

8. Handlungscheckliste

  • Energie in die KI-Strategie aufnehmen: Strombedarf, Netzanschluss und Effizienzannahmen für jedes KI-Vorhaben ausweisen; Effizienzgewinne nicht als Verbrauchssenkung einplanen.
  • Portfolio nach Horizont sortieren: Die Technologien mit Einführungshorizont unter drei Jahren im Bericht mit dem eigenen Vorhabenbestand abgleichen und Lücken benennen.
  • Wirkungsnote getrennt lesen: Technologien mit Wirkung über der Erfolgsaussicht als Forschungs- und Kooperationsthemen führen, nicht als Produktvorhaben.
  • Governance als Skalierungsbedingung verankern: Vertrauen, Sicherheit, Erklärbarkeit und menschliche Aufsicht als Entwicklungsanforderungen festschreiben, nicht als nachgelagerte Prüfung.
  • Kompetenzmatrix übertragen: Sicherheit, kritisches Denken, Datenbeurteilung und Agentennutzung in Qualifizierungspläne aufnehmen; abnehmende Tätigkeiten mit Übergangsangeboten versehen.
  • Risikotabelle für kritische Infrastruktur auswerten: KI in Betriebsabläufen der Energieerzeugung nur mit menschlicher Freigabe und dokumentierten Rückfallpfaden einführen.
  • Zahlen mit Nenner zitieren: Bei jeder Übernahme aus dem Bericht Teamgröße, Skala und Normalisierung mitführen; normalisierte Horizonte nicht als Jahre kommunizieren.
  • Wiedervorlage 2028: Der nächste Horizont des Komitees ist 2030 bis 2035 mit Planungsbeginn 2027; die eigene Bewertung dann gegen die neue Ausgabe prüfen.

Quellen

Primärquelle ist die Präsentation des IEEE Future Directions Committee; die Foliennummern beziehen sich auf das Original. Grundlage der Analyse ist die deutsche Leseausgabe vom 16. September 2026, die den Originaltext vollständig überträgt.

  1. IEEE Future Directions Committee, Industry Advisory Board: Technology Megatrends 2030. Präsentation, 101 Folien, in Zusammenarbeit mit IEEE Santa Clara Valley Section, IEEE Computer Society und IEEE Industry Engagement, 2026. Folie 1. ieee.org (Abruf: 16.09.2026).
  2. Ebd., Folien 6 und 7: Überraschende Erkenntnisse; Zusammenfassung für Entscheidungsträger (Jevons-Paradoxon, KI als Infrastruktur, Investitionen 100 bis 200 Milliarden US-Dollar in der Raumfahrt, sechs genannte und fünf aufgezählte Kategorien).
  3. Ebd., Folien 18 und 19: Je sechs Technologien für fünf Megatrends mit Prognosesätzen.
  4. Ebd., Folie 14: Treiber und Hemmnisse der Megatrends bis 2030.
  5. Ebd., Folien 46, 58 und 63: Vorgehensweise, Standardabweichung, technologieübergreifende Statistik (Korrelationen, Mittelwerte, Spannweiten 2030 und 2024).
  6. Ebd., Folien 21, 22, 25 und 64: Erkenntnisse, Spitzenreiter und Nachzügler, zusammengefasste Prognosen, Bewertungstabelle mit Normalisierungsregeln.
  7. Ebd., Folien 44 bis 46: Geografische Zusammensetzung (168 Mitwirkende, 38 Länder, 46 Frauen), Arbeitgebergruppen (71 Wissenschaft, 67 Industrie, 24 Fachorganisationen, 6 Staat), Wachstum von 54 auf 168 Mitglieder.
  8. Ebd., Folien 32, 34 bis 36 und 38: Technologien mit hohem Risiko und hohem Nutzen; zielgruppenspezifische und allgemeine Empfehlungen; Entwicklung der Kompetenzen.
  9. Ebd., Folien 39, 41 und 42: Einsatz von KI bei der Prognosearbeit; Zusammenfassung; nächste Schritte (Horizont 2030 bis 2035, Planung 2027).
  10. Ebd., Folien 66 und 91: Umfrageergebnisse (rund 300 Befragte, Horizont 2028) und demografische Zusammensetzung (USA 26,4 Prozent, China 10,4 Prozent, Deutschland 6,7 Prozent; 63 Prozent Promotion; 44 Prozent Hochschulen).
  11. Olaf Dunkel: Technologie-Megatrends 2030, deutsche Leseausgabe. Vollständige Übersetzung der IEEE-Präsentation mit Originalansichten und Quellenhinweisen, 148 Seiten, 16. September 2026. Keine autorisierte IEEE-Ausgabe. Kennzeichnung der Quellenauffälligkeiten auf Seite 2 (Teamgrößen 168, 166 und 160; asymmetrische Korrelationsmatrix; Umfragehorizont 2028; Normalisierung der Zeithorizonte).

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